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Tina Klein und der Hürdensprint an die Spitze


Tina Klein
(Foto: Gantenberg)
[08.07.2005] Gerade mal ein paar Tage ist es her. Völlig erschöpft saß Tina Klein nach dem Finale über 100 Meter Hürden bei den Deutschen Meisterschaften Bochum-Wattenscheid in der Mixed Zone, schüttelte immer wieder fassungslos den Kopf und strahlte über das ganze Gesicht. Was ihr da gerade passiert war, so richtig konnte sie es nicht fassen.

Denn 13,09 Sekunden bedeuteten neben Silber bei Titelkämpfen auch Platz eins der aktuellen europäischen U23-Bestenliste. Damit sprintete die 22-jährige in die Favoritenposition, gehört zu den großen Medaillen-Hoffnungen des DLV bei der bevorstehenden Europameisterschaft U23 in Erfurt (14. bis 17. Juli).

"Letztes Jahr wollte ich noch alles hinschmeißen und jetzt bin ich Zweite bei der DM in 13,09 Sekunden. Das ist Wahnsinn", sprudelt es aus ihr heraus und die Ungläubigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Bronze in Kingston

Die Sindelfingerin hat in ihrer jungen Karriere schon so manchen Tiefpunkt erlebt, stand kurz vor der Entscheidung den Sport aufzugeben. "Gut, dass ich es nicht gemacht habe", sagt sie jetzt freudestrahlend, doch vor einem Jahr sah die Welt noch ganz anders aus.

2002 war ein schönes Jahr. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Kingston (Jamaika) stürmte Tina Klein in 13,20 Sekunden zu Bronze, zu ihrer ersten internationalen Medaille. "Das Video habe ich mir im letzten Jahr öfters angeschaut", verrät die Hürdensprinterin. Letztes Jahr, als es nicht so gut lief. 2003 wechselte sie zur MTG Mannheim in die Trainingsgruppe von Rüdiger Harksen, der Kirsten Bolm und Nadine Hentschke zu den Olympischen Spielen in Athen führte. Ähnliche Erfolge versprach sich auch Tina Klein. Doch es kam alles anders.

Sport ja oder nein

"Ich bin auf die Trainingsmethoden in Mannheim einfach nicht angesprungen", sucht Tina Klein nach Erklärungen für die 13,81 Sekunden, die im letzten Jahr als magere Saisonbestleistung heraussprangen. "Für Kirsten und Nadine ist das Krafttraining genau das Richtige, aber für mich ist das nichts. Ich hatte Kraft ohne Ende, konnte aber nicht mehr laufen", erzählt sie und der fröhliche, unbeschwerte Ton in ihrer Stimme verschwindet.

Im Mai 2004 beendete sie bereits die Olympia-Saison nach nur einem Wettkampf. "Ich musste mich entscheiden, ob ich in Mannheim weiterstudiere und den Leistungssport beende, oder ob ich zurück nach Sindelfingen gehe und noch mal neu anfange. Schließlich wusste ich, in Kingston konnte ich noch ziemlich gut Hürden laufen."

Schritt zurück

Tina Klein wagte den Schritt zurück, nahm das Training bei ihrem Vater Manfred Klein auf, der selber eine Hürdenbestzeit von 14,50 Sekunden zu Buche stehen hat und begann ihr Lehramtstudium für die Fächer Deutsch und Sport an der Universität in Tübingen.

"Tobias Unger und Marius Broening studieren dort auch, von daher sind die Professoren an Leistungssportler gewöhnt und Prof. Dr. Helmut Digel legt auch ab und an ein gutes Wort für uns ein", berichtet die Athletin, die vor ihrer Zeit als Hürdensprinterin sich auch im Ballett und Jazztanz versuchte. "Bislang bekomme ich alles ganz gut hin, aber in der Klausurenzeit ist es schon etwas stressig", ordnet Tina Klein die Doppelbelastung Studium und Sport ein.

Welt ist wieder in Ordnung

Doch nicht nur das Studium verläuft reibungslos, auch das Training hat den gewünschten Effekt. "Es ist jetzt wieder auf mich zugeschnitten und ich habe meine Spritzigkeit zwischen den Hürden wiedergefunden", sucht sie nach Erklärungen für die enorme Leistungssteigerung, mit der sie dieses Jahr beeindruckte.

Ursprüngliches Ziel vor der Saison war es, sich im Bereich von 13,40 Sekunden zu stabilisieren. Der Saisoneinstieg ging mit 14,06 Sekunden noch gründlich daneben, doch dann platzte der Knoten. "Plötzlich gingen die Zeiten im Zwei-Zehntel-Rhythmus runter und ich konnte es gar nicht fassen", schildert die angehende Lehrerin den bisherigen Saisonverlauf. Die Welt der Tina Klein ist jetzt also wieder in Ordnung und Rüdiger Harksen, der DLV-Disziplintrainer, gönnt ihr den neuerlichen Durchbruch
("Ich freue mich für sie").

Zu dem ganzen Erfolg kommen auch die Unterstützung ihrer Eltern, die voll hinter ihrer Tochter stehen, und ihrer Freunde, die es akzeptieren, dass sie am Wochenende nur Zeit für den Sport hat. "Meine beste Freundin sehe ich leider sehr wenig, weil sie auch nicht in Tübingen studiert und wir uns so nur am Wochenende sehen könnten, wo ich meistens auf Wettkämpfen bin. Ich muss sie dann immer vertrösten, dass sie mich wenigstens im Fernsehen sehen kann, aber ganz so schön ist das natürlich nicht", lässt Tina Klein Einblicke in den Alltag einer noch jungen Leistungssportlerin zu.

In Erfurt ist alles möglich

Auch die kommenden Wochenenden werden sich die beiden Freundinnen wohl eher nicht sehen, denn Tina Klein bricht am heutigen Freitag schon wieder ins Trainingslager nach Bad Blankenburg auf, um dort die letzten Tage vor der U23-EM mit der Mannschaft zu verbringen, bevor es dann am Mittwoch nach Erfurt geht.

"In Erfurt will ich ins Finale", gibt sich Tina Klein angesichts ihrer Bestzeit von 13,09 Sekunden bescheiden. "Ich trau' der ganzen Sache noch nicht. Bislang bin ich zwar die Schnellste, aber wer weiß, wer bei der EM wieder aus seinem Loch kriecht", und man merkt, dass sie sich dem Druck der Jahresschnellsten nicht aussetzten will.

"Über 100 Meter Hürden ist alles möglich. Da stehen zehn Hürden im Weg und auch Fehlstarts sind immer drin." Aber ganz egal, was am nächsten Wochenende in Erfurt passiert, die deutsche Leichtathletikszene kann froh sein, dass eine Tina Klein dem Hürdensprint treu geblieben ist, denn der jungen Sindelfingerin gehört die Zukunft.
(an)